Home / eSport / ESBD/EFF Kritik und warnende Worte von Andreas Schaetzke

ESBD/EFF Kritik und warnende Worte von Andreas Schaetzke

Breaking News: Circa 48 Herren stehen im Anzug vor einem Bild mit der Aufschrift „Esports Europe“ und zelebrieren die Gründung des neuen Esportverbandes für Europa (EEF) in Belgien, Brüssel.

Man bringt 23 nationale Verbände zusammen und wird über 100 Millionen Esportler bzw. Gamer für diesen Kontinent vertreten. Das Ziel: eine verantwortungsbewusste, nachhaltige, integrative, gesunde und werteorientierte Entwicklung des Esports durch den EEF. Als Präsident wurde Hans Jagnow, bereits in seiner Position als Präsident des ESBD; also des Esportverbandes Deutschland; gewählt. Klingt doch erstmal ganz gut, oder? Die Förderung des Esports wird vorangetrieben und das direkt von Persönlichkeiten mit jahrelanger Erfahrung in der Szene. Richtigen Machern, welche über viele Jahre selbst große Projekte vorangetrieben haben und natürlich nur im Interesse der Gamer und Esport handeln. Sie selbst – lieber Leser – merken die Ironie meiner Worte. Denn dies stimmt nicht und ich sehe mich in der Verantwortung – gegenüber unserer Industrie, allen Gründern, hart arbeitenden Entrepreneuren und jedem Esportler – mit diesem falschen Spiel aufzuräumen.

Hierbei geht es in diesem Statement allein um meine persönliche Meinung. Ich habe selbst über fünfzehn Jahre Esport auf dem Buckel und maße mir trotzdem nicht an alles zu wissen oder bis ins tiefste Detail beurteilen zu können. Fakt ist aber, dass dieses Schauspiel, welches sich am 21. Februar in Brüssel vollzogen hat, der absolut falsche Weg ist. In diesem Positionspapier möchte ich auf die Details und Hintergründe eingehen, aber auch eine klare Warnung aussprechen. Mir ist unsere Industrie sehr wichtig und mein Herz schlägt jeden Tag für den Esport – jeder der mich persönlich kennt und mit mir arbeitet, weiß das. Ich selbst habe genug Fehler in meiner Laufbahn gemacht und immer aus diesen gelernt. Somit möchte ich vermeiden, dass wir nun still bleiben und die Herren einfach mal machen lassen.

Warum? Sam Matthews (CEO von Fnatic) beschreibt es passend: „Ihr könnt nicht einfach in den Esport mit 100 Typen gekleidet in Anzügen kommen und einfach so Fuß fassen. Esport wird durch die Publisher, Teams und Spieler betrieben, welche alle das Bestreben haben das ‚Ecosystem‘ beständig voranzutreiben. Und keiner trägt Anzüge“.

Gerade das Signal an die „old Economy“ ist hier die wahre Gefahr. In unserer Industrie werden die Herren kaum Fuß fassen können, aber die alte Welt wird solche Signale falsch deuten – wie wir bereits beim ESBD und seinem Dialog auf „Augenhöhe“ gesehen haben.

Vor über zwei Jahren konnten wir die Gründung des deutschen Esport-Verbandes miterleben. Zu seiner Zeit ein überhastetes Unterfangen, welches ohne ausgereifte Zielsetzungen umgesetzt wurde. Das Hauptmotiv war der politische Diskurs und die Auseinandersetzung mit der Sportwelt und Politik für eine Akzeptanz des Esports. Im Kern eigentlich lobenswert, nur leider verliert dieser selbsternannte Verband schon nach kürzester Zeit immer mehr an Relevanz und verfehlte bislang eine nachhaltige Umsetzung für die darin integrierten Mitglieder. Ohne „meat on the bone“ kann und darf sich eine so junge Industrie – zwangsweise vertreten durch den ESBD – nicht auf Provokation, sowie Forderungen auf einen Dialog auf „Augenhöhe“ versteifen.

Ich war selbst Teil der „Gründungsoffensive“ im Sommer bis Spätherbst 2017. Damals wurde sehr viel Druck durch die neugegründeten Esport-Vereine aufgebaut und schnell entstand ein unnötiger Wettlauf mit der Zeit. Der Fokus auf Qualität, sinnvolle Ziele und wirtschaftliche Relevanz wurde über Bord geworfen und am Ende war es nur noch eine „Reise nach Jerusalem“ergo: wer bekommt welchen Stuhl. Dies war auch ein klarer Grund, warum wir mit PENTA nicht Teil der Gründer waren und dies bleibt – neben allen weiteren Punkten in diesem Papier – der Grund warum wir diesen falschen Verband klar und ohne Diskussion ablehnen werden. Ich war in den letzten zwei Jahren sehr still und haben mich aus fast allen „politischen Diskussionen“ herausgehalten. Doch ich kann nur sagen, dass die Ergebnisse – negativ gesehen – für sich sprechen. Aktuell sieht es eher danach aus, dass dieser Verband kurz vor dem Zerfall steht und nun die Flucht nach vorne, nach oben – im Interesse der Leitfiguren, als Sprungbrett – genutzt wurde.

Weiter zum ESBD: Die Arbeit in den regionalen Strukturen sollte eine der ersten großen Hausaufgaben sein. Viele Esport-Teams haben ihre Hoffnungen auf eine bessere Monetarisierung in diesen Verband gesteckt und wurden bislang schwer enttäuscht. Dabei sehen wir jeden Tag die richtigen Zeichen aus den verschiedensten Regionen in Esport-Deutschland. Der Breitensport wurde im digitalen Sinne geboren und entwickelt sich beständig weiter. Viele Vereine – wie z.B. der eSports Nord e.V., 1. Berliner eSport Club e.V., 1. Esport Club Frankfurt e.V., eSport Rhein-Neckar und Leipzig eSports e.V. leisten hervorragende Arbeit und fassen sich täglich an die eigene Nase, arbeiten hart und investieren viel Zeit für ihr Hobby, ihre Ziele und Träume. Der Kern des Problems ist, dass Esport aktuell für einen Großteil der Esport-Teams und Vereine ein pures Geschäftsmodell mit Fokus auf Vermarktung ist. Die Funktion eines Verbandes darf und kann somit nicht im klassischen Sinne aufgefasst und gelebt werden. Die Kopie der analogen Welt auf ein digitales Produkt ist der eigentliche Fehler in der „ESBD-Software“. Hierbei wäre z.B. die Weiterentwicklung der eigenen Strukturen und eine daraus folgende Öffnung des Marktes in verschiedene Branchen ein richtiger Weg gewesen. Der Auftrag hätte klar definiert sein können: Neue Brücken bauen und nicht alte kopieren bzw. um die Genehmigung dieser streiten.

Der Esport zeichnet sich nicht ausschließlich durch seine Verbindung oder Verwandtschaft zum klassischen Sport aus – auch, wenn er Sport ist. Dieser digitale Hybrid stellt eine Schnittstelle zu vielen weiteren Branchen und Industrien dar und wurde somit in seinem Potenzial und seiner Wirkung vom ESBD verkannt. Esport ist der Wegweiser einer neuen Taktfrequenz der jungen Generation, welche Entertainment, Musik, Filme oder Spiele ganz anders konsumiert. Genau diese Taktfrequenz – mit ihren neuen und sich ständig verändernden Möglichkeiten – bildet auch die Basis für eine hohe intrinsische Motivation, die viele junge Unternehmer, kreativ Denkende und ambitionierte „Macher“ über die letzten Jahre in den Esport gebracht und diesen mitgeformt hat.

Ein gutes Beispiel sind die Kollegen von SK Gaming, mousesports und BIG, welche international große Erfolge und eine starke Legacy aufweisen können. Aber es steckt noch viel mehr in Deutschland: Die Playing Ducks aus Peine waren einer der ersten Vereine, welche sich mit einer eigenen Location und der Förderung der regionalen Strukturen stark gemacht haben. Genauso dürfen wir die Unicorns of Love, Ad Hoc Gaming, Alternate aTTaX, Euronics, sprout, Panthers Gaming, BlueJays, MTW, DIVIZON, Entropy, Planetkey Dynamics oder die Kollegen aus der Schweiz bzw. Österreich mit mYinsanity und XGS eSports e.V. als weitere, wichtige und langjährige Leistungsträger nicht vergessen. Auch die Vereine schließen weiter auf und ich bin begeistert über den stetigen Austausch mit vielen Machern hinter diesen stark wachsenden Breitensportstrukturen. In Flensburg sehe ich den richtigen, bewussten und sorgsamen Umgang mit den ersten Fördermitteln, in Oftersheim, Flensburg und Berlin entstehen die richtigen Strukturen bzw. sogar ein eigenes Leistungszentrum und auch in Dortmund kämpft der Verein jeden Tag für diese erstrebenswerten Ziele. Wir alle sind ein wichtiger Teil dieser Industrie und jeden Tag kämpfen wir gemeinsam für ein weiteres Wachstum für unseren geliebten Esport. Jeder ist seinen eigenen Weg gegangen und wir alle haben viele Rückschläge und Probleme verkraften müssen.

Diese intrinsische Motivation konnte bislang Berge versetzen und eine junge Branche emotional positiv aufladen und miteinander verbinden. Diese Basis ist auch heute noch intakt vorhanden, wächst und wird weitere drei bis fünf Jahre brauchen, bis sie eine gesunde Struktur und Rechteverteilung, sowie eine gesunde und faire Eigendynamik erreicht hat. Denn die Publisher und auch Veranstalter wie die ESL, entwickeln sich Tag für Tag weiter. Esport ist mit dem klassischen Sport nicht zu vergleichen und somit ist der Weg zur nachhaltigen Monetarisierung, Wachstum und fairen Abläufen kein Einfacher. Wir alle kennen das Rad, welches wir jeden Tag zu drehen haben und umso mehr verstehe ich die Vereine, welche im November 2017 dem ESBD beigetreten sind. Es war die Hoffnung auf eine bessere wirtschaftliche Perspektive.

Die Sportdiskussion sowie Förderung und Anerkennung des Esports sind wichtig. Allerdings wurde mit dem ESBD in Esport Deutschland mehr oder minder willkürlich eine Struktur übergestreift, die nicht so recht passen will. Ferner – und das ist ein weiteres Problem des Verbandes – müssten dann zumindest die definierten Hauptziele der Organisation erreicht sein. Die Gründung des ESBD ist jetzt fast zweieinhalb Jahre her. Was hat man operativ erreicht? Eine Anerkennung des Esports als Sport sowie eine Förderung aus Sporttöpfen jedenfalls nicht – und das sind die erklärten Hauptziele des Verbandes. Und ich möchte ehrlich sein: Diese Sport-Diskussion hat uns mehr geschadet als geholfen. Am Ende entscheiden der Konsument bzw. Fan. Und die Zahlen sprechen für sich. Statt sich mit dieser Sportdebatte und vielen peinlichen Auftritten in der Öffentlichkeit zu beschäftigen, wäre die Stärkung des Kerns und die Ausarbeitung gemeinsamer Lösungsansätze eine lobenswerte Alternative gewesen.

Es ist aus vielen Lebensbereichen bekannt: Erfolgsmessung. Beim ESBD könnte man titeln: „Sieg bedarf keiner Erklärung, Niederlage erlaubt keine“. Die falsche strategische Ausrichtung des Verbandes, die schwachen Ergebnisse und in Teilen auch die personelle Aufstellung in der Führung sind für viele die ausschlaggebenden Punkte, dem ESBD nicht beizutreten. Diesem Urteil kann ich mich nur anschließen. Gerade wenn es um Kompetenz im Esport geht, sollte der ESBD langsam verstehen, dass wir alle nicht blind sind. Ich kannte die meisten Führungspersönlichkeiten bei Gründung des Verbandes nicht und war verwundert, dass man sich für solch eine personelle Aufstellung entschieden hat. Dazu breche ich auch hiermit auch ein Tabu und werde zwei Namen nennen: Hans Jagnow und Martin Müller. Beide habe ich mehrfach persönlich getroffen. Die Distanz und Verschlossenheit waren mir damals, wie heute, immer ein Rätsel. Dazu kommt aber die benötigte Erfahrung im Esport. Ambitionierte Ziele zu haben und sich für den Esport einsetzen zu wollen ist keinesfalls verwerflich. Aber nach über zwei Jahren sehe ich nur noch ein Spiel der eigenen Interessen.

Hans schafft seinen politischen Aufstieg und kann sich auf großer Bühne – nun zusätzlich als gewählter Präsident im EEF – profilieren. Für Martin bietet sich die Grundlage durch den ESBD die eigenen Strukturen in Magdeburg zu stärken und mit Fördermitteln in Kiel zu arbeiten bzw. zu herrschen. Was sagt der Rest der Industrie, all diejenigen die sich jeden Euro hart verdient haben? Ich habe dazu meine eigene Meinung und belasse es mit diesen Zeilen und meinem persönlichen Ausfall zu den beiden Herren.

Aktuell sehe ich auch das Problem, dass wir – gerade nach dem Vorbild und alten Strukturen des ESBD – keinen wirklich sinnvollen Verband schaffen können. Jeder in unserer Industrie hat sehr viel Arbeit vor sich und man ist sich gegenseitig nicht sicher. Die so schnell wachsende Branche erzeugt immer wieder ein Gefühl der Missgunst und Misstrauens. Von meiner Seite kann ich sagen, dass ich über gewisse Aktionen immer versucht habe etwas zu helfen. Es waren keine großen Schritte und ich habe Fehler gemacht. Ein Beispiel war „Cinema Loves Esports“. Lange habe ich dieses Thema bzw. meinen Misserfolg verarbeitet und immer wieder gedanklich verdauen müssen. Aber auch über andere Kampagnen wollte ich den anderen Stakeholdern in unserer Industrie die Hand reichen. Hierbei sehe ich aber eine tiefe Angst und ein großes Problem: Wie können wir eine gemeinsame Mitte finden und als Esport-Gesellschaft, gerade unter den Team-Stakeholdern, fair und offen miteinander arbeiten? Die Lösung für diese Frage sollte der erste wahre Schritt sein. Genau dieser Schritt, welcher 2017 nicht einmal von den Funktionären hinter dem ESBD – nach meinem Eindruck – bedacht wurde. Denn die alte Welt kann und darf nicht kopiert werden, das möchte ich nochmal wiederholen. Es gibt andere, fairere und nachhaltigere Wege, aber sind wir in Esport-Deutschland schon bereit dafür?

Mein Fazit: Als erstes müssen wir für uns alle im Kopf die Sportdiskussion ad acta legen. Dazu sollten wir einen runden Tisch bilden und das Esport-Thema mit allen Stakeholdern und – bitte – ohne Zeitdruck aufarbeiten. Gerade hier sollten wirtschaftliche Faktoren die Hauptrolle spielen. Es geht nicht um Profilierung und Machtansprüche. Sondern um ehrliche Zusammenarbeit und gemeinsamen Ehrgeiz den Kreis in Deutschland oder sogar DACH zu schließen. Dazu möchte ich auch ein letztes Mal mein klares Nein gegenüber dem ESBD aussprechen. Die Erde ist verbrannt und die Signale in Politik und Wirtschaft wurden gesendet. Dazu stelle ich mich klar gegen den EEF, welcher nur eine überhastete Kopie – unter Leitung des ESBD – ist. Wenn wir bis 2024/25 etwas Nachhaltiges schaffen wollen, dann sollten wir nun ein letztes Mal den „Reset Knopf“ drücken und uns dann an den runden Tisch begeben. Auch sollte es irrelevant sein, welche Esport-Titel in den jeweiligen Teams bzw. Organisationen und Vereinen eine Rolle spielen. Hierzu sollten wir andere Parameter nehmen und uns auf unsere Herkunft und die gemeinsamen Ziele beziehen.

Lesen sie auch

FIFA 21 – oder doch FIFA 20.5? Was steckt im neuen FIFA Teil? Fazit!

FIFA 21 – oder doch FIFA 20.5? Was steckt im neuen FIFA Teil? – Ein …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.